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SON DAKİKA

Türkische Serienkultur

Seitdem in Deutschland die türkischen Fernsehkanäle uneingeschränkt senden können, spätestens seitdem, hocken wir mit der gesamten Familie Abend für Abend vor dem Bildschirm und fiebern mit unserem Serienhelden mit.

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 Tarih: 15-04-2019 19:05:24

Türkische Serienkultur

Türkische Serien sind in ihrer Form eine einzigartige Medienkomposition.

Zwischen Liebe und Schmerz, Verlusten und Intrigen, Verrat und schließlich den großen Versöhnungen gibt es kaum ein anderes Land, das seine Serien so emotional verpackt.

Dies kommt so gut bei den Zuschauern an, dass sogar einzelne Länder die Rechte für die Serien abkaufen, übersetzen und ausstrahlen.

Das beste Beispiel hierfür ist die Serie „Muhtesem Yüzyil“ (dt.: „Das prächtige Jahrhundert“), die in über 45 weiteren Ländern zum Mega-Erfolg wurde.

 

Ein weiteres Beispiel für eine türkische Serie, die nicht nur in der Türkei, sondern auch in vielen anderen europäischen Ländern mit TurkSat Empfang die Zuschauerin ihren Bann zog, war „Hartirla Sevgili“(dt.: Erinnere dich, Geliebter“).

Zum ersten Mal gab es im türkischen Fernsehen eine Serie mit einem politischen Tenor, welche Szenen aus türkischen Gefängnissen und Aufständen aus den Jahren 1959 bis 1980 zeigte.

Nicht zuletzt wurde sie durch ihre Begleitung der Protagonisten der türkischen 68er Bewegung berühmt.

Die bis zu zweieinhalbstündigen Blockbuster-ähnlichen Serien gehen natürlich nicht einfach so an ihren Zuschauern vorbei.

Erinnern wir uns an die Serie „Ezel“(dt.: „Ewigkeit“), nach dessen Erstausstrahlung binnen von Wochen alle wie aus dem Nichts durch die Gegend marschierten und „Yegen“ (dt.: „Neffe/Nichte“) brüllten oder als der Haarschmuck von Sila aus der gleichnamigen Serie plötzlich ein Must-Have war.

Aber wie schaffen es diese Serien uns so stark zu beeinflussen?

Hierfür möchte ich auf die Serie „Cukur“ eingehen und euch in den nächsten Zeilen davon überzeugen, dass gute Kameraführung und Zusammenschnitte mit der richtigen Filmmusik noch lange keine gute Serie ausmachen.

Erfolgshit „Cukur“

Die türkische Filmagentur „Ay yapim“, wird einen Salto vor Freude geschlagen haben, als sie am 23. Oktober 2017 mit dem Projekt „Cukur“(dt.: Grube) eine Punktlandung erzielten.

In Cukur begegnen wir vielen renommierten Schauspielern, die bereits in anderen Ay yapim Serien mitgespielt haben.

Was die türkische Serie schlechthin so in sich hat und sie ausmacht, ist, dass sie mindestens zwei Komponenten an Handlung kombiniert; in diesem Fall Mafia und Familie im Drama-Genre.

Unsere Grube Cukur ist ein, wenn man so will, Stadtteil in der türkischen Großstadt Istanbul, in dem viele krumme Geschäfte ablaufen.

Der gesamte Stadtteil handelt wie ein Clan, dessen selbsternannter Vater, die Figur Idris Kocovali, das Sagen hat. Zwar fällt in der ganzen Serie nie explizit die Eigenbeschreibung „Mafia“, jedoch verhalten sich alle Mitglieder des Clans mit den Eigenschaften der Mafia.

Von illegalem Waffenhandel, über Menschenhandel und Prostitution bis zu brutalste Ermordungen ist in Cukur alles mit dabei.

Wir sehen also, auch wenn Idris vehement betont, dass alles innerhalb dieses Systems eine Struktur und Regeln hat, dass Cukur nichtsdestotrotz ein großes Mafia-System ist und es nichts bringt, dies zu leugnen. Idris gibt sich als einfacher Mann aus, der auch mal sein Obst am Marktstand verkaufen kann.

Gute Masche; so macht er sich nie selbst die Hände schmutzig und sammelt Charisma Punkte.

Im Verlauf der Serie und der zweiten Staffel spitzen sich die Dinge zu, eine andere Familie aus dem Stadtteil möchte die Oberhand über den Clan gewinnen und ein Innerer Krieg bricht aus.

Noch mehr illegaler Handel, noch mehr Mord, noch mehr Leid.

Wieso zieht diese Serie so bei türkeistämmigen Jugendlichen?

Es gibt zwei aufeinanderfolgende Aspekte.

Erstens: Mit wem oder was kann sich der Rezipient, also der Zuschauer, identifizieren, was kann er auf sein eigenes Leben projizieren?

Gab es Rollen oder Situationen im eigenen Leben, die ähnlich waren oder ersehnt sich der Rezipient nach diesen?

Zweitens: Wie lange dauert es, bis man sich mit dem, was auf dem Bildschirm läuft so stark identifiziert, dass es das eigene Leben beeinflusst?

 

Cukur als Wegweiser

Cukur ist die Perfektion einer falsch gelaufenen Identifikation mit Vorbildern und Lebenssituationen und das zeigt sich am folgenden Beispiel.

Alle männlichen Mitglieder des Clans haben dasselbe Symbol tätowiert, das ihre Verbundenheit und Loyalität gegenüber den anderen zeigen soll.

Das obere Dreieck steht für ein Dach, das Geborgenheit symbolisiert.

Jeder hat einen Platz im Clan.

Die drei darauffolgenden Punkte für 1. Die eigene Familie, auf die man wie auf seinen Augapfel Acht geben soll, 2. Die „äußere“ Familie, also die Blutsbrüder und die Weggefährten, die für einen und für die man selbst in den Tod gehen würde und 3. Die Kocovali Familie, die das Sagen hat und der treu sein muss.

Das umgedrehte Dreieck schließlich steht ebenfalls symbolisch für die Grube, die alle auffängt, wenn es drauf ankommt. Ein kleines Tattoo mit viel Bedeutung.

Es ist also ziemlich naheliegend, dass die Devise unserer Grube „Bist du einmal drin.

Kommst du nicht mehr heraus.“ Lautet. Und genau das gleiche passiert mit den Rezipienten.

Sie sind so sehr in der Serie drin, dass sie nicht mehr herausfinden und sich mit ihr identifizieren.

Geborgenheit, Loyalität und Zusammenhalt sind Tugenden, nach denen sich vor allem Türkeistämmige sehnen, denn sie leben über Generationen hinweg in einem Zwiespalt von zwei Ländern, zwei Regierungen, zwei Kulturen und schließlich zwei Identitäten.

Dass wir uns im realen Leben allerdings nicht in mafiösen Strukturen befinden, schient irrelevant zu sein.

Die Rezipienten erkennen autokratische Strukturen innerhalb der Serie an, ohne sie zu hinterfragen. Dass die Herrschaft einer einzigen Familie über einen ganzen Stadtteil so verharmlost wird, wird gar nicht angezweifelt.

Ihre Stellung ist so hoch, dass ihnen jegliche Unmenschlichkeiten nicht angerechnet werden, sodass es automatisch zu ihrem natürlichen Recht wird.

Mit dieser Serie akzeptieren wir die alleinige Vorherrschaft einer Familie, für die es sich außerdem auch noch lohne, bis in den Tod zu gehen.

Absolutismus und eine natürliche „Thronfolge“ (oder Kocavali Familie) wird über Cukur propagiert und direkt in unsere Köpfe eingetrichtert.

Aber nicht nur die Herrschaftsform, auch die Gewalt, die aus der Serie hervorgeht.

Wird dermaßen normalisiert und verherrlicht, dass wir uns eigentlich Sorgen um diejenigen machen müssten, die es nicht selbstständig schaffen, einen Realitätsbezug herzustellen.

Um es die Spitze zu treiben: die meisten müssten parallel zur Serie eine Therapie machen, um die Gewaltszenen verarbeiten zu können.

Denn es ist alles andere als normal montagabends um Viertel nach Acht, unzensiert Hinrichtungen wie die eines Menschen zu zeigen, der an vier Autos gebunden ist, um ihn in seine Einzelteile zu zerreißen.

 

Von der Frauenrolle in der Serie gar nicht erst anzufangen! Dafür bedarf es sicherlich eines eigenen Artikels, denn mit wenigen Wörtern kann man die vermeintlich emanzipierten, aber mit der Zeit immer stiller und passiver werdenden zwei Frauen in der Serie nicht analysieren.

 

„HÄSCHEN IN DER GRUBE SASS UND SCHLIEF.

ARMES HÄSCHEN BIST DU KRANK,

DASS DU NICHT MEHR HÜPFEN KANNST?

HÄSCHEN HÜPF!“

So geht ein Abzählreim, der sehr an das Abbild von Cukur erinnert, dass hier entstanden ist.

Die Zuschauer, also das Häschen, sitzen nun in der Grube und kommen nicht mehr hinaus, denn sie sind ganz krank von der Grube geworden.

Man könnte nun meinen, dass es gar nicht so schlimm ist.

Dass die meisten eigentlich die ganzen Einflüsse aus der Serie gut wegstecken und verarbeiten können, doch ist das wirklich so?

Der Stadtteil Cukur wird in den letzten Monaten so häufig von Touristen besucht, wie sonst kein anders in der Türkei.

Die Abhängigkeit beginnt damit, dass auf Hochzeiten, Geburtstagsfeiern etc. die Filmmusik gespielt wird und geht so weit, dass sich junge Menschen auch das Clan-Symbol tätowieren lassen.

Die treuen Zuschauer Reden und handeln wie ihre Lieblingsfiguren, einige wünschen sich sogar aus der kurdischen Provinz „Varto“ zu stammen, aus der eine der Figuren her kommt.

Krampfhaft werden echte Parallelen zwischen uns und der Serie gesucht.

Fällt ein schlechtes Wort über die Serie, beginnt ein unermüdlicher Verteidigungskampf, um sein Gegenüber davon zu überzeugen, dass sie gut sei.

Fast schon so, als würde man sich verpflichtet fühlen, der Kocovali Familie ihre Ehre zu erweisen.

Es kann also keiner mehr behaupten, Cukur beeinflusse nicht das Leben von Millionen von Zuschauern.

Doch der Abzählreim endet mit einem Happyend und auch die Cukur-Zuschauer müssen wissen, im wahren Leben gibt es nicht nur die eine oder andere Möglichkeit.

Es gibt nicht nur schwarz und weiß.

Nein, wir können uns aktiv an unserem eigenen Leben beteiligen.

Wir haben die Möglichkeit selber Entscheidungen zu fällen und man stelle sich mal vor: ganz unabhängig von einem Mafiaboss!

Cukur wird uns nicht ins Verderben bringen, Cukur ist nur eine von vielen überbewerteten kommerziellen Serien.

Dennoch sollte man nicht außer Acht lassen, wie leicht sich junge Menschen von ihr lenken lassen und welche Inhalte es dafür gebraucht hat. 

Dirim Su Derventli / Junge Stimme / DIDF 

 

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