Frauenmorde in Österreich: "Ich schlachte dich ab wie ein Schwein"

In keinem europäischen Land ist der Anteil weiblicher Opfer bei Tötungsdelikten höher als in Österreich. Warum müssen so viele Frauen ihr Leben lassen?
 Tarih: 16-01-2019 09:03:39
Frauenmorde in Österreich:

“Vermutlich hätten wir uns auch anders trennen können", sagt Bojan S.* "Ich habe mich zu ihr hinuntergebeugt. Ich habe sie geküsst und geweint." Zusammengeknirscht sitzt S., 61 Jahre alt, auf der Anklagebank im Straflandesgericht Wien. Er trägt einen dunklen Kapuzenpulli, seine weiß-grauen Haare sind kurzgeschoren, den Kopf hält er gesenkt. Er schnieft und schluchzt.

Dann sagt er: "Ich habe alles in meinem Leben verloren."
Seit dem 24. Mai 2018 ist Marita S., Bojans Ehefrau, tot. Als sie starb, war sie 43 Jahre alt. Frau S. hat ihr Leben nicht einfach verloren. Es wurde ihr genommen, von ihrem Ehemann, Bojan. 17 Mal stach er auf seine Frau ein, elf Messerstiche trafen Marita in die Brust und in den Bauch. Es waren tiefe Wunden. Laut Obduktionsgutachten wurden die Stiche äußerst wuchtig und kraftvoll geführt.

"Ich wollte sie nicht umbringen", sagt S. "Was wollten Sie damit erreichen?", fragt die Richterin. "Ich weiß es nicht." "Ein Mann wacht nicht plötzlich eines Morgens auf und denkt sich: Heute töte ich meine Frau", sagt Gerichtsmedizinerin Andrea Berzlanovich, die im Vorstand der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt sitzt. "Dahinter steckt oft eine lange Gewaltgeschichte." So war es auch im Fall von Bojan und Marita S. 2015 übersiedelte Marita aus beruflichen Gründen von Serbien nach Wien; ein Jahr später kam ihr Mann nach, dann ihre beiden Töchter. Ab diesem Zeitpunkt wurde es schlimmer. Bojan S. war rasend eifersüchtig; er war davon überzeugt, dass seine Frau einen Liebhaber hatte. Spätere Ermittlungen zeigten, dass es dafür keinerlei Anhaltspunkte gab. Es kam zu Streitereien, immer öfter wurde Bojan handgreiflich. Einmal, berichten seine Töchter, jagte er seine Frau mit einem Messer in der Hand durch die Wohnung. Eine Tochter musste dazwischengehen.
Nachdem Bojan S. seine Frau an diesem Märztag erstochen hatte, trug er sie ins Bett, setzte sich daneben, trank Schnaps und schrieb einen Brief an seine Töchter: "Kinder, euer Vater musste das tun. Sie hat mich genug an der Nase herumgezogen (sic!)." Dann schlief er ein. Kein Ort ist für Frauen in Österreich gefährlicher als ihr eigenes Zuhause. 2017 suchten 18.860 Opfer familiärer Gewalt Hilfe in Schutzeinrichtungen. 83 Prozent davon waren Frauen und Mädchen, die in den allermeisten Fällen vor ihrem Partner oder einem anderen Mann in der Familie flüchteten. Alle paar Tage versucht ein Mann in Österreich, seine Frau oder Ex-Freundin umzubringen; fast jede zweite Woche gelingt es einem. Die Frauen werden erstochen, erschossen, mit einem Polster erstickt, totgeprügelt, zu Tode gewürgt, vom Balkon gestoßen oder mit Benzin übergossen und angezündet.

"Frauenmord-Land Österreich" titelt das Magazin der Österreichischen Vereinigung der Kriminalbediensteten, "kripo.at", in seiner aktuellen Ausgabe - und macht damit eine Entwicklung zum Thema, die Opferschutzeinrichtungen seit Jahren alarmiert. Nach einer Erhebung des Statistischen Amtes der EU (Eurostat) ist der Anteil weiblicher Opfer bei Tötungsdelikten in keinem europäischen Land höher als in Österreich. 77 Frauen wurden im vergangenen Jahr umgebracht oder Opfer eines versuchten Mordes. Laut der Statistik der Gewaltschutzzentren Österreichs waren die insgesamt 24 Opfer von Morden in Beziehungen 2017 ausschließlich Frauen. 2018 sollen es bereits 32 weibliche Todesopfer sein (Stand Nov. 2018).

Es passiert überall. In Graz tötete im Juni 2017 ein 25-Jähriger seine Freundin mit einem Küchenmesser; acht Mal stach er auf sie ein, bevor er ihr die Kehle aufschnitt. Er sei eifersüchtig gewesen. Seine Freundin habe sich über seine sexuellen Leistungen lustig gemacht. "Sie müssen mir glauben, ich wollte ihr nichts tun", betonte der Täter vor Gericht. Es sei "eine Kettenreaktion" gewesen. Drei Monate vor dem Mord drohte er seiner Partnerin in einer Textnachricht, den damals drei Jahre alten gemeinsamen Sohn umzubringen. Ein anderes Mal schrieb er: "Ich schlachte dich ab wie ein Schwein."
In einem Dorf in Vorarlberg tötete im September dieses Jahres ein Mann seine Frau und die beiden gemeinsamen Töchter, bevor er sich selbst umbrachte. Einen Monat zuvor war ein Betretungsverbot gegen den Mann verhängt worden, weil er seine Frau körperlich misshandelt hatte. Sie suchte Hilfe in einem Gewaltschutzzentrum, das Betretungsverbot wurde nach Ablauf der zweiwöchigen Frist auf Ansuchen der Frau verlängert. Es half alles nichts. Der Mann drang trotzdem in das Haus ein, ging zuerst mit einem Hammer auf seine Familie los, dann zückte er ein Messer und stach zu. Seine Frau wollte sich trennen, sie hatte die Scheidung eingereicht. Er wollte das nicht akzeptieren.
Im März dieses Jahres erstach im niederösterreichischen Schwechat Markus P., 32, seine Ex-Freundin in ihrem Haus, während die beiden gemeinsamen Kinder, zu diesem Zeitpunkt drei und fünf Jahre alt, vor der Tür warteten. Nach dem Mord fuhr P. in seinen geplanten Osterurlaub. Die Staatsanwaltschaft wollte P. bis zuletzt nicht glauben, dass es sich um eine spontane Tat handelte, sondern war überzeugt von einem akribisch vorbereiteten Mord, weil P. zwei Paar Handschuhe und das Messer selbst zum Tatort mitgebracht hatte. P.s Verteidiger versuchte, den Mord zu erklären: Die Ex-Freundin habe P. betrogen. Er sei in "seiner Männlichkeit verletzt" worden.
Frauenmorde oft nicht beim Namen genannt
Diese Frauenmorde, herbeigeführt durch brachiale Männergewalt, werden oft nicht beim Namen genannt. Zeitungen berichten von einer "Familientragödie" oder einem "blutigen Beziehungsdrama", als ginge es dabei nur um private Einzelschicksale, um individuelle Akte, die man, so tragisch sie auch sind, nicht habe verhindern können. Doch hinter diesen Geschichten steckt ein Schema. Opfer solcher "Beziehungsdramen" sind in den meisten Fällen nicht die Männer, sondern die Frauen, die sterben.
Die US-Soziologin und Autorin Diana Russell prägte 1976 beim ersten Internationalen Tribunal zu Gewalt gegen Frauen in Brüssel den Begriff "Femizid". Analog zum englischen "homicide" (Tötung eines Menschen) sollte damit in Anlehnung an das lateinische "femina" (Frau) und "caedere" (töten) die spezifische Gewalt gegen Frauen und Mädchen benannt werden - eine als "von Männern begangene Tötung von Frauen, weil sie weiblich sind". Ziel war es, in Abgrenzung zu "homicide" ein theoretisches Konzept zu entwickeln, auf dessen Basis die Tötung von Frauen als Konsequenz patriarchaler Verhältnisse sichtbar gemacht und den Fragen von Ungleichheit, Unterdrückung und der systematischen Gewalt gegen Frauen Rechnung getragen wird.

Eine ökonomisch unabhängige Frau wird offensichtlich schwer akzeptiert.
Es gibt auch Frauen, die ihre Männer töten. Allerdings passiert das nicht nur viel seltener, sondern auch aus anderen Gründen. Der Mord am Partner ist keine Machtdemonstration, sondern der letzte Ausweg. "Frauen töten aus Verzweiflung, Männer meistens aus Eifersucht und einem Besitzdenken heraus", sagt Birgitt Haller. Besonders gefährdet seien Migrantinnen und allgemein Frauen in Trennungssituationen. "Wenn sie die Frauen selbst nicht haben können, wollen sie auch nicht, dass jemand anderer die Partnerin bekommt." Haller ist Juristin und Politologin und beschäftigt sich am Institut für Konfliktforschung mit Gewalt- und Genderfragen. Die Gefahr für Frauen steigt auch dann, wenn sie berufstätig sind und ihr Partner schlechter verdient oder arbeitslos ist, sagt Haller: "Eine ökonomisch unabhängige Frau wird offensichtlich schwer akzeptiert."
Gewalt weiterhin ein Tabu
Haller erstellte im Jahr 2012 im Auftrag des Frauenministeriums eine Studie zu Tötungsdelikten in Beziehungen in Österreich. Für den Zeitraum zwischen 2008 und 2010 untersuchte sie 39 Strafverfahren gegen männliche Täter und acht Verfahren gegen Täterinnen. Es ist die bislang letzte umfangreiche Studie zu Opfern in Hochrisikosituationen, sogenannten "High Risk Victims", die seither von staatlicher Stelle veröffentlicht wurde.
In den untersuchten Fällen waren 27 der 39 Täter österreichische Staatsbürger. Die meisten waren, so wie die Opfer auch, zwischen 21 und 50 Jahre alt. In nur sechs Gewaltbeziehungen war es laut Hallers Studie vorher zum Einschreiten der Exekutive gekommen, lediglich acht Frauen hatten vor der Tat Hilfe in Gewaltschutzeinrichtungen gesucht. "Gewalt ist nach wie vor ein Tabu. Je älter die Frau und ländlicher die Gegend, desto schlimmer ist es", sagt die Konfliktforscherin. Auch wenn die Zahl der angezeigten Fälle stetig zunehme, hinderten Scham und Ängste nach wie vor viele Frauen daran, sich an Behörden oder Gewaltschutzeinrichtungen zu wenden. "Wir wissen auch, dass weibliche Opfer dazu neigen, Gewalt zu verharmlosen, um ihre Partner zu schützen." Deshalb seien Polizeibeamte gefordert, mit diesem Wissen sorgfältig umzugehen und einzuschreiten. Auch in den Staatsanwaltschaften fehle Wissen über Gefahrenanalyse, berichtet Rosa Logar, Geschäftsführerin der Wiener Interventionsstelle: "Nach wie vor werden gewalttätige Männer überwiegend auf freiem Fuß angezeigt, auch wenn sie wiederholt schwerste Drohungen gegen Frau und Kinder ausgestoßen haben."

Dass die Zahl der Morde an Frauen in den vergangenen Jahren angestiegen ist, hält die Konfliktforscherin Haller für "schockierend". Woran es liegt, kann niemand zufriedenstellend beantworten. Österreich habe grundsätzlich gute Gewaltschutzgesetze und ein breites Netz von Schutzeinrichtungen, sind sich Opfervertreterinnen einig. Eine fundierte Analyse der Schutz- und Präventionsmaßnahmen ist aber schon deshalb schwierig, weil es schlicht an notwendigen Informationen fehlt. In den offiziellen Statistiken wird das Geschlechterverhältnis in Kriminalitätsfällen nicht detailliert genug ausgeführt. Die EU fordert zwar seit Jahren genderspezifische statistische Aufschlüsse von den Mitgliedstaaten ein, Österreich habe dem, wie viele andere Länder auch, bisher aber nicht Folge geleistet, sagt Logar von der Wiener Interventionsstelle.
Volksanwältin Gertrude Brinek sieht Gründe für die steigende Gewalt auch im allgemein stärkeren Anpassungsdruck und in den zusehends unsicheren Lebensverhältnissen. Verliert ein Mann seinen Job und will sich gleichzeitig die Frau scheiden lassen, kann die Situation rasch eskalieren. Vor allem aber müsse man die nach wie vor vorherrschenden konservativen Rollenbilder aufbrechen und gewaltfreie Erziehung in den Schulen forcieren, ist Volksanwältin Brinek überzeugt: "Welcher Verteidiger würde im Falle einer Täterin vor Gericht erklären, dass die Frau zustechen musste, weil sie von ihrem Mann 'in ihrer Weiblichkeit' verletzt wurde?"

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